Seminare mit Kyoshi Patrick McCarthy, 7. Dan in Nimwegen, 23./24.11.2002 und Neuss, 30.11./01.12.2002

Den Namen Patrick McCarthy las ich zum ersten Mal auf dem Deckblatt eines Buches mit dem Titel "Bubishi". Ich war schon längere Zeit auf der Suche nach einer Übersetzung dieser "Bibel des Karate", um meine kleine Kampfkunst-Bibliothek damit zu ergänzen. Patrick McCarthy hatte dieses wichtige Werk aus dem Chinesischen/Japanischen ins Englische übersetzt und es somit einer breiten Masse zugänglich gemacht. Ich wurde auf weitere Bücher von ihm aufmerksam, legte sie mir zu und war begeistert.

Auf der Suche nach weiteren Informationen stieß ich im Internet auf die IRKRS (International Ryukyu Karate Research Society), eine von Kyoshi Patrick McCarthy ins Leben gerufene Organisation, die sich bemüht, die alten Trainingsformen von Okinawa (Ryukyu) zu erhalten und weiter zu entwickeln. Um nicht weiter vom Thema abzuschweifen, sei auf die entsprechende Homepage verwiesen in unseren Links.

Nachdem ich schon im November 2001 eines der Seminare von Kyoshi McCarthy in Holland besucht hatte, war ich sehr gespannt, was wohl dieses Jahr auf dem Programm stand. Auf seiner Tour durch Europa stellte er in Irland, England, Holland, Belgien, Deutschland (Neuss und Berlin), Finnland sein Können unter Beweis. Es ist schwer zu beschreiben, was genau seine Interpretation von Karate ausmacht. Sein Schwerpunkt liegt nicht in einem speziellen Stil (Shotokan, Goju-Ryu, Wado-Ryu etc.) und auch das von ihm gegründete "Koryu Uchinadi" ist nicht wirklich als Stil zu verstehen, sondern eher als Sinnbild für die Tiefe des Karate im Allgemeinen. Dies versucht er auch immer wieder zu betonen. In seinen Seminaren ist daher Platz für alle, die sich aus ihrer eigenen Box wagen und über den Rand schauen wollen, um ihr Wissen zu erweitern. Und auch wenn man nicht mit seiner Interpretation übereinstimmt, öffnet es einem in vielen Dingen die Augen für den eigenen Weg.

Neben den auch bei uns bzw. in Deutschland trainierten Aspekten des Karate, wie Kata, Jiyu-Ippon-Kumite, Jiyu-Kumite, usw., legt das Koryu Uchinadi sehr viel Wert auf Partnerformen. Hier insbesondere auf die Bunkai der verschiedenen Katas aus allen Stilrichtungen, sei es nun eine der Pinan (Heian) Katas, Naihanchi (Tekki), Gankaku, Wanshu (Empi), Kusanku, Sepai, Sanseru, Kururunfa usw. und so war es auch bei den beiden Seminaren in Nimwegen und Neuss.

Nimwegen:

Wendi Dragonfire hatte wieder die Organisation für das Seminar in Holland übernommen. Nach einer kurzen Fahrt von Bochum nach Nimwegen kam ich an der Trainingshalle an und sah dort schon die Autos von Bekannten aus dem letzten Jahr. Einer herzlichen Begrüßung folgte das Warten auf die Ankunft von Kyoshi McCarthy. Wer diesen Mann zum ersten Mal sieht, ist angetan von seiner warmherzigen und offenen Art. Mir geht es jedenfalls so. Jeder wird mit Handschlag und/oder Umarmung begrüßt. Insgesamt waren etwa 50 Teilnehmer aller Graduierungen und Stilrichtungen bzw. Kampfkunstarten anwesend.

Dann ging es endlich ans Training. Nach ein paar kurzen, einführenden Worten begannen wir mit den Aufwärmübungen. Zwei Themen waren für die beiden Tage angesetzt. Den Anfang machte eine Partner-/Selbstverteidigungsform gegen einen Armstreckhebel, wie er in der Kata Sepai vorkommt. Die Kombination gegen den Armstrecker war gespickt mit Hebeln und Vitalpunkt-Stimulationen und ergab in Summe ca. 21 verschiedene Techniken.

Jetzt kann man natürlich die Frage stellen, warum 21 Techniken nötig sind, um sich gegen diesen einen Hebel zu verteidigen. Da reichen doch maximal drei und der Gegner liegt am Boden. Der Sinn dieser Übung ist aber ein anderer und das zeigt sich in sehr vielen der Partnerformen des Koryu Uchinadi. Es stimmt; 21 oder mehr Techniken als Verteidigung gegen einen Angriff sind mit Sicherheit übertrieben. Die Übung aber soll einfach eine Vielfalt von Möglichkeiten aufzeigen. Die Situation an sich bedarf jedes Mal einer anderen Reaktion. Wie verhält sich der Angreifer? Ist es ihm ernst oder ist er vielleicht betrunken? Wo befindet man sich? Mit Hilfe dieser oft langen Kombinationen ist es wie mit einer Kata. Verschiedene Techniken werden im Fluss mit oder ohne Partner geübt, bis sie automatisiert werden. Ziel soll es sein, dass, wenn man sich in einer bestimmten Situation wiederfindet, man nicht erst groß nachdenken muss, was mache ich denn jetzt. Man befindet sich vielleicht an einer bestimmten Stelle, die auch schon in einer der kontinuierlichen Übungen auftaucht und lässt den Körper einfach reagieren, indem er sich an die Übung erinnert.

Der zweite Teil beschäftigte sich mit dem Thema "Würgetechniken". Und zwar nicht, wie man sich dagegen wehrt, sondern wie man selbst effektiv den Gegner würgen und damit kontrollieren bzw. ausser Gefecht setzen kann. Das shime-waza futari rensoku geiko ist eine Abfolge von 36 Würgetechniken die mit dem Partner als kontinuierliche Übung durchgeführt wird. Mit einigen Variationen kann man hier natürlich noch auf eine höhere Zahl kommen. Die 36 bilden jedoch das Grundgerüst. Es wird vor dem Partner stehend angefangen, geht über die Seite, hinter den Partner, bis man sich zusammen auf dem Boden wiederfindet und auch die Beine einsetzt. Wer noch nie richtig gewürgt wurde oder auch selbst gewürgt hat, kann hier seine Erfahrungen sammeln. Auch der Kehlkopf hat seine Freude daran, deshalb sollte tunlichst auf einen partnerschaftlichen Umgang geachtet werden.

Neuss:

Die Organisatoren Jörg Kuschel und Andreas Reifel des Kenju-Ryu machten es möglich, das Training in der Sporthalle der Telekom stattfinden zu lassen. Neben vielen Gesichtern, die auch in Nimwegen dabei waren, füllte sich die Halle auch mit einigen neuen Karatekas, die meist zum ersten Mal das Vergnügen hatten mit Kyoshi McCarthy zu trainieren. Insgesamt waren es nahezu 100 Interessierte.

 

Daher nahm er sich auch die Zeit und gab eine ca. einstündige theoretische Einführung. Es wurde verschiedene Begriffe geklärt und die Idee des Koryu Uchinadi aufgezeigt. Jörg Kuschel und Andreas Reifel hatten Patrick McCarthy gebeten, Kata Bunkai zu den Heian (Pinan) Katas als Schwerpunkt zu wählen. Wir waren alle sehr gespannt und obwohl ich Goju-Ryu praktiziere, hatte ich doch einige Aha-Erlebnisse und sehr viel Spass. Im Ganzen haben wir am Samstag acht kurze Kombinationen durchgenommen, die meist irgendwie auf dem Boden endeten. Unter anderem auch wieder unter Zuhilfenahme von Kyoshi McCarthys Lieblingstechnik, wo er sich mit dem Partner auf dem Boden rollt und auf ihm zu sitzen kommt. Ohne Matten immer wieder ein Vergnügen. Da auch einige Würgetechniken zum Einsatz kamen und einige der Anwesenden damit Schwierigkeiten zu haben schienen, wurde kurzerhand noch ein Abriss des schon oben erwähnten shime-waza futari rensoku geiko eingefügt. Allerdings beschränkte sich Kyoshi auf die ersten 12 Formen.

Am Sonntag ging es dann mit einigen interessanten Aufwärmübungen weiter. Wir begannen mit grundlegenden Übungen, die die Grundabwehrbewegungen enthielten (Age-Uke, Uchi-Ude-Uke, Gedan-Barai, Soto-Uke, Kake-Uke, Shuto-Uke). Damit schafften wir es drei Partnerformen mit steigender Schwierigkeit umzusetzen. Danach gab es noch einige Heian Anwendungen.

Den Abschluss bildetet noch einmal eine theoretische Runde mit anschließender Gelegenheit, Fragen zu stellen.

Ich war wieder einmal sehr begeistert von dem fachlichen, historischen und auch pädagogischen Wissen von Kyoshi Patrick McCarthy und kann nur jedem empfehlen an seinen Seminaren teilzunehmen.

An dieser Stelle noch einmal recht herzlichen Dank an all die Menschen, die diese Seminare möglich gemacht haben, insbesondere natürlich Patrick McCarthy, Wendi Dragonfire, Jörg Kuschel und Andreas Reifel. Auch möchte ich den Partner von Patrick McCarthy hier erwähnen, Renshi Dirk Thesenvitz, der unter ihm lange Zeit trainiert hat und in seinem Verein in Berlin das Koryu Uchinadi weitergibt.

 

© Copyright Budde Graf 2003