BG006: Etikette & Rituale

 

'More than Fighting' Budo-Service Budde & Graf GbR

Februar 2004

 

Mitschrift aus einem Vortrag von Martin Nienhaus am 7. Juni 2003

Ralf Baier

 

Einleitung

Die Etikette ist zu umschreiben als ein bestimmtes Verhalten an einem bestimmten Ort in einer bestimmten Situation (Beispiele: Kirche, Moschee, Gericht, Dojo, ...).

Die Rituale helfen uns, die dazugehörigen Ebenen der Kommunikation zu erschließen.

Um dies besser zu verstehen, müssen einige Begriffe erläutert werden.

 

Was bedeutet “DōJō”?

“DōJō” bedeutet der Ort der Erleuchtung.

 

DōJō (“Ort der Erleuchtung”)

 

DōJō (“Ort des Weges ” / “Trainingshalle”)

   

Betrachtet man das Schriftzeichen für Dō näher, so stellt man fest, daß es eigentlich aus zwei Grundsymbolen aufgebaut ist.

Dō (“der Weg”)

 

Radikal rechts oben ("das Geistige, das Wissende")

 

Radikal links unten ("das Tuende, das Gehen")

Dies gibt uns das Verständnis dafür, daß Dō nicht der physikalische Weg und auch nicht die Weg-Strecke ist, sondern die geistige Haltung repräsentiert. Aus dieser Einsicht heraus wird auch verständlich, weshalb das DōJō weit mehr als die Trainingshalle darstellt!

Da das DōJō der Ort der Erleuchtung ist - und die Kampfkunst ist für uns der Weg zur Erleuchtung – wird dort auch nur Kampfkunst betrieben, keine (Ball-)Spiele oder andere Aktivitäten!

Da das DōJō der Ort der Erleuchtung ist, muss es – um aus einer einfachen Turnhalle oder Wiese ein solches DōJō zu machen – entsprechend vorbereitet sein.

Zum Aufbau des DōJō soll folgende Erläuterung dienen:

Das DōJō mit seinem Aufbau und seiner Bedeutung

 

 

 

Was bedeutet “Mūkōsō”?

“Mūkōsō” bedeutet schweigende Erleuchtung.

Der Begriff entstammt dem (Zen-)Buddhismus und dient im Karate-Do der Vorbereitung auf das Training, der Konzentration auf den Weg des Karate (innere Leere).

Laut Fritz Nöpel sollte die Zeit für das Mūkōsō deshalb im Karate-Do ca. 30 - 60 Sekunden betragen – er erläutert dies mit einem Sinnbild: Die Chrysantheme – Symbol und Blume des japanischen Kaiserhauses – hat 16 Blütenblätter. Das Fallen jedes Blütenblattes dauert ca. 2 - 3 Sek. Stellt man sich geistig das Fallen aller Blütenblätter vor, ist das Mūkōsō ausgefüllt.

 

Was bedeutet "Sensei"?

Ist der Sensei ein "Meister"? Ist jeder "Meister" ein Sensei?

Ist der Sensei ein "Trainer"? Ist jeder "Trainer" ein Sensei?

Ist der Sensei ein "Mentor"? Ist jeder "Mentor" ein Sensei?

Der Sensei ist diejenige Person, die dem Karateka den Weg des Karate-Do weist, die ihn begleitet, fordert und führt. Der Weg des Karate-Do läßt sich aber nur "von Herz zu Herz" weitergeben, was sich nicht immer mit den modernen Aspekten und Trainingsformen des Karate in Einklang bringen läßt.

Es ist deshalb notwendig, zwischen dem Karate als Sport und dem Karate als Kampfkunst zu unterscheiden und sich jederzeit seiner Rolle als Meister, Trainer oder Sensei bewußt zu sein.

 

Was bedeutet "Tradition"?

Das Wort "Tradition" bleibt bedeutungslos, wenn sein Bezug fehlt, d.h. die Angabe, um welche Tradition es sich handelt. Deshalb gibt es auch nicht das "traditionelle Karate-Do"!

Denn welches ist gemeint? Das Karate-Do wie es 1990 in Deutschland betrieben wurde? Das Karate-Do wie es 1970 in Deutschland betrieben wurde? Das Karate-Do wie es 1950 in Japan betrieben wurde? Das Karate-Do wie es in Okinawa betrieben wurde? Das Karate-Do wie es als Vorstufe in China betrieben wurde? Das Karate-Do wie es als noch weitergehende Vorstufe in Indien betrieben wurde? …

Wichtig für uns ist aber, daß wir uns vergegenwärtigen warum wir etwas genau so tun, wie wir es tun. Denn wir sind die Hüter der Kultur des Karate-Do. Veränderungen – beispielsweise in einer Kata – schaffen ggf. "Neues", löschen aber auch immer Informationen aus!

 

Was bedeutet Qi (Ki)?

"Qi" bedeutet Energie.

Betrachtet man das chinesische Symbol für den Begriff Qi, so besteht es aus zwei zusammengesetzten Symbolen:

Reis (als Nahrungsmittel / Rohstoff)

 

Dampf (vom Kochen)

 

Qi ("Duft von dampfendem Reis")

Qi wird also in der chinesischen Symbolik umschrieben mit dem "Duft von dampfendem Reis".

Um dies zu verstehen, muss man wissen, dass Reis das Grundnahrungsmittel in China ist. Doch zum Energielieferanten für den menschlichen Körper wird er erst in gekochter Form, den roh ist er für den menschlichen Körper nicht verwertbar! In diesem Verständnis ist der Reis ohne das kochende Wasser und das kochende Wasser ohne den Reis wertlos – zusammen sind sie aber von großem Wert.

So verhält es sich auch mit dem Qi im Karate-Do. Die körperlichen Fertigkeiten und das geistige Verständnis sind nur im Zusammenspiel von großem Wert.

Für die einfachen Menschen in China war es von jeher wichtig, die vorhandenen Nahrungsmittel gut einzuteilen, um zu überleben, d.h. es durfte nur soviel Reis gekocht werden, um satt zu werden – aber es durfte keine "Energie" verschwendet werden. Auch hier ist wieder die Analogie zum Qi im Karate-Do, denn auch in diesem Verständnis darf einem Angriff nur soviel Energie entgegengesetzt werden wie notwendig ist, um dem Angriff angemessen zu begegnen.

 

Kata

Es gibt drei Formen / Aspekte einer Kata:

Versteht man Kata in der Gesamtheit dieser drei Aspekte wird klar, weshalb der Grundsatz gilt, daß das Erlernen jeder Kata mindestens drei Jahre dauert.

Jede Kata zeigt uns ein Bild / einen bestimmten Aspekt des Karate-Do. Sie gibt uns aber auch immer Einblick in die spezielle Philosophie des Entwicklers der Kata.

 

Aus der chinesischen Geschichte / Religion / Philosophie

 

Aus diesem Grund soll in den Trainingseinheiten immer nur bis 10 gezählt werden – Konzentration auf den Augenblick, nicht auf das Ende. Das Dosieren der Leistung ist eine Abweichung vom Hauptweg!

Die fünf Elemente in Ihrem Zyklus

Bezieht man es auf den Weg des Kampfkünstlers, so wird der Beginn seines Lernens vom Element Holz beherrscht. Seine Entwicklung führt ihn dann über das Element Feuer zum Element Erde. Der beste Schüler eines Dojos unter dem Gesichtspunkt des Erd-Elements ist in der Regel der äußere Schüler des Dojos – er ist der technisch beste / kämpferisch stärkste Schüler und repräsentiert deshalb das Dojo auf Wettkämpfen und Vorführungen.

Setzt der Kampfkünstler seine Entwicklung fort, so wird er über das Element Metall schließlich beim Element Wasser angelangen, dessen Eigenschaften sich mit denen seines Weges / seines Verständisses seiner Kampfkunst decken. Deshalb ist der innere Schüler in der Regel der beste Schüler eines Dojos unter dem Gesichtspunkt des Wasser-Elements – er ist der beste Schüler, um das (über das rein technische hinausgehende) Wissen seiner Schule / seines Sensei an die nächste Kampfkunst-Generation weiterzugeben.

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Die Ausarbeitung hierzu könnt ihr euch HIER als PDF-Datei herunterladen (101 kb)