BG004: Tegumi Karate's vergessene Reichweite

 

'More than Fighting' Budo-Service Budde & Graf GbR

Februar 2004

 

based on an article by Iain Abernethy (Isshin-Ryu) www.iainabernethy.com

mit Erlaubnis des Authors sinngemäß übesetzt

 

Einleitung

Um sich angemessen in einer bedrohlichen Situation des realen Lebens verteidigen zu können, benötigt man das Wissen über alle Reichweiten/Distanzen verschiedener Techniken im Kampf. In einem sportlichen, definierten Wettkampf ist es nicht nötig, sich die Fähigkeiten für jede Reichweite zum Gegner anzueignen, z.B. muss weder ein Boxer wissen, wie man tritt, um die Runde zu gewinnen, noch muss ein Judoka wissen, wie man schlägt. Allerdings wird in einem wirklichen Kampf der Gegner nicht nach "den Regeln spielen", und wenn man sich in einer ungünstigen Position befindet, wird es keinen Schiedrichter geben, der unterbricht und den Kampf in einer Distanz wieder aufnehmen lässt, in der die Beteiligten wissen, was sie zu tun haben! Wie Geoff Thomson einmal sagte, "Du kannst ein 10. Dan auf deinen Füssen sein, aber ein Weißgurt auf deinem Rücken."

Karate und Kata

Karate wird meist als ein Schlag- und Tritt-System gesehen. Die wissenschaftlichen Prinzipien, die in die Schlagmethoden einfliessen, machen sie sehr stark. Aber was passiert, wenn unser Gegner die Schlagdistanz verlässt und wir anfangen zu ringen oder, noch schlimmer, es wird auf dem Boden weitergekämpft? Karate wie es allgemein praktiziert wird kann am Besten in mittlerer und langer Distanz angewandt werden. Fakt ist allerdings, dass die meisten realen Kämpfe nah beginnen und fast immer eine Form von Packen beinhalten. Also warum beinhaltet modernes Karate kein Packen und Greifen in seinem Lehrplan? Es leuchtet ein, dass ältere Versionen von Kampfkünsten jede Reichweite abdecken, da das Weglassen einer Distanz sehr gut zu einer Niederlage im Kampf führen kann. Wenn daher reale Selbstverteidigung unser Ziel ist, sollte man auf die alten Karate-Versionen schauen. In den Katas sind die ursprünglichen Kampfmethoden des Karate aufgenommen. Die Katas beinhalten das originale Karate-System. Daher gibt es in den Katas Techniken und Konzepte für den Gebruach in jeder Distanz, inklusive packen, greifen etc.

Das Packen und Greifen im Karate wird heute kaum trainiert, aber es ist wichtig zu verstehen, dass dies einmal genau so ein Teil des Karate war, wie Schlagtechniken, die heute allgemein mit der Kampfkunst in Verbindung gebracht werden. Shigeru Egami, in seinem Buch "The Heart of Karate-Do" schreibt, "es gibt auch Wurftechniken im Karate... Wurftechniken wurden zu meiner Zeit praktiziert und ich empfehle, dass sie wieder betrachtet werden." Gichin Funakoshi referenziert auch auf das Packen und Greifen in "Karate-Do Kyohan". Er schrieb, "... in Karate sind Schlagen, Stossen und Treten nicht die einzigen Methoden; Wurftechniken und Druck gegen Gelenke sind enthalten." Alle diese Techniken des Karate sind in den Katas enthalten und wir müssen in sie schauen, wenn wir diesen wirklich wichtigen Teil der Kunst wiederbeleben wollen.

 

Tegumi

Tegumi (grappling hands) war die Bezeichnung für den Aspekt des Packens und Greifens im alten Karate. "Tegumi" wird auch benutzt, um einen alten Ringerstil auf Okinawa zu beschreiben (auch bekannt unter Motou in einigen Gebieten). Es wird geglaubt, dass die ursprüngliche Ringerkunst des Tegumi zusammen mit den Kempo-Systemen, welche durch die Chinesen nach Okinawa gekommen sind, die Vorreiter der heute als Karate bekannten Kampfkunst sind. Einige sagen, dass dies sich in dem Namen widerspiegelt, der für die Kunst gewählt wurde. Karate setzt sich aus zwei Teilen zusammen. "Kara" bedeutet "China", um den Einfluss des chinesischen Kempo zu verdeutlichen und "Te" bedeutet "Hand", um den Tegumi Einfluss zu zeigen. Nebenbei bemerkt wird heute ein anderes Zeichen für "Kara" benutzt, welches "leer" bedeutet andere Bedeutung und Schreibweise, aber gleiche Aussprache aber ursprünglich wurde das Zeichen für "China" verwendet.

Vor 1900 wurde den Tegumi-Elementen im Karate genau so viel Bedeutung beigemessen, wie den Schlagtechniken. Das Karate-Training enthielt Würfe, Gelenkhebel, Würge- und Greiftechniken, Konter etc.. Tatsache ist auch, dass die frühen Karatekas ihre Fähigkeiten in Runden des "Kakedameshi" getestet haben. Die Kämpfer verschränkten ihre Arme ineinander und das Ziel war es, den Gegner zu Boden zu schlagen, indem man beides, Tegumi und Schlagtechniken benutzte. Diese Kämpfe beinhalteten ein weites Feld von Karate-Techniken (Ringen und Schlagen) und waren wirklich sehr unterschiedlich zu den heutigen "Nur-Schlagen-Wettkämpfen". In dem Buch "Ryukyu Karate Kempo" schreibt Motobu Choki: "Kumite ist der eigentliche Kampf, der viele grundlegende Arten von Kata benutzt, um sich mit dem Gegener auseinanderzusetzen." Es ist offensichtlich, dass die früheren Karatekas Pack- und Greiftechniken aus den Katas in ihrem Training und den Übungskämpfen verwendet haben.

Um etwa 1905 als das Karate viele Änderungen erfahren hat, um es für die körperliche Schulung der Schulkinder auf Okinawa anzupassen wurde die normale Übung der gefährlicheren Techniken untersagt. Diese Rationalisierung des Karate-Trainings führte dazu, dass viele Aspekte des Tegumi aufgegeben wurden. Hauptsächlich durch diese "kosmetische" Veränderung des Karate ist das Packen und Greifen nicht länger ein allgemeiner Bestandteil in der Mehrheit der heutigen Karate Dojos. Allerdings, wenn wir Karate als komplettes Kampfsystem praktizieren wollen, sollten wir uns bemühen, Tegumi einzubeziehen. Das faszinireende daran ist, dass die Katas eine lebende Aufzeichnung dieser Methoden sind! Wenn wir Katas in der nötigen Tiefe studieren, sind alle Aspekte der ursprünglichen Kampfkunst Karate erfaßbar (inkl. Tegumi). In den Katas gibt es ein große Anzahl von Pack- und Greiftechniken in Ergänzung zu den allgemein gelehrten Schlagtechniken, wobei die Mehrzahl der Katas den integrierten Gebrauch von beiden Methoden zeigt. Toshihisa Sofue, 7th Dan, sagte hierzu: "Acht Prozent der/einer Karate Kata ist werfen und hebeln." (Meiner Ansicht nach sind es wenigstens im Goju-Ryu weit mehr. Anm. des Übers.). Und trotzdem sieht man selten Würfe und Hebel in den heutigen Dojos.

Es gibt verschiedene Unterkategorien des Tegumi: Tuide (packen/greifen), Nage-waza (Würfe), Kansetzu-waza (Gelenkhebel), Shime-waza (Würgetechniken), Ne-waza (Bodenkampf), Gyaku-waza (Kontertechniken) etc. All diese können in den Katas gefunden werden. Wenn wir die Kata in der nötigen Tiefe studieren, können wir anfangen, diese überaus wirkungsvollen Methoden in unser täglichen Training zu integrieren, so dass wir nicht total verloren sind, wenn der Kampf in die Nahdistanz übergeht (was fast immer passiert!).

Viele Tegumi-Techniken sind ziemlich brutal. Eine einfache und sehr effective Greiftechnik kann in der Seishan/Hangetsu Kata gesehen werden. Man wird sich an die Technik erinnern, welche als Anwendung des Einwärts-Zuges vor der ersten 180 Drehung ausgeführt wird. Die Zeigefinger werden dabei in den Mund des Gegners eingeführt und nach aussen gerissen (Allgemein als "Fischhaken" bekannt, siehe Bild). Es ist wichtig, genügend Spannung auf den Wangen des Gegners zu halten, damit dieser nicht den Kopf drehen oder auf die Finger beissen kann. Wenn ich kraftvoll zu den Seiten ziehen würde wie bei der Shotokan Version der Kata würde ich ernsthaften Schaden an dem Gesicht meines Gegners verursachen. Es ist offensichtlich, dass diese Technik nur in sehr extremen Umständen gerechtfertigt wäre.

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Katas als erstes eine Aufzeichnung der Kampfkonzepte und -prinzipien sind. Diese Konzepte und Prinzipien sind sehr viel wichtiger als die Techniken, welche benutzt werden, sie zu demonstrieren. Wir sollten die Pack- und Greifmethoden der Kata in solcher Tiefe studieren, dass wir die Techniken gerecht den Prinzipien auf denen sie beruhen in jeglichem Umstand, in dem wir uns befinden, anwenden können. Meister Chotoku Kyan (1870 - 1945) eine seiner Lieblingskatas war Seishan wendete die "Fischhaken"-Technik mit gutem Erfolg in einer Auseinandersetzung mit einem 6. Dan Judoka, Shinzou Ishida, an. Meister Kyan besuchte Japan, um eine Karate Demonstartion zu geben. Ishida, ein fähiger Judoka, hatte Kyan nach einem Kampf gefragt, weil er den Wert des Karate feststellen wollte. Als Ishida sich ausstreckte, um seinen Gegener zu fassen, glitt Kyan zur Seite und stieß seinen Daumen in Ishidas Mund. Kyan schloss seine Finger, trat auf Ishidas Fuß und zog den aus dem Gleichgewicht gekommenen Judoka an seiner Wange zu Boden. Kyan schlug dann mit einer Hammer-Faust (Tetsui Uchi, Anm. d. Übers.) in Richting von Ishidas Kiefer und stoppte knapp über dem Ziel. Ishida war beeindruckt von Kyans Fähigkeiten, bat um eine Unterweisung und erhielt ein tägliches Training von ihm, bis er nach Okinawa zurückkehrte. Dies ist ein schönes Beispiel für den effektiven Einsatz von Tegumi Prinzipien, wie sie in den Katas enthalten sind.

 

Schlussfolgerung

Um ein effektiver Kämpfer zu sein, ist es ein Muss, das Wissen über alle Reichweiten des Kampfes zu haben. Daher ist es entscheidend, dass Tegumi einen Teil unseres Trainings ausmacht, genau wie es dies für die Meister der Vergangeheit war, die das Karate formuliert haben. Zum Glück haben die selben Meister ihre Pack- und Greifmethoden in den Katas aufgezeichnet, die sie entwickelt haben. Der Schlüssel hierzu ist, dass man sicherstellt, dass die Katas in hinreichender Tiefe studiert wird.

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Die Ausarbeitung hierzu könnt ihr euch HIER als PDF-Datei herunterladen (40 kb)