BG003: Karate in Japan und auf Okinawa in Vergleich

'More than Fighting' Budo-Service Budde & Graf GbR

Februar 2004

 

 

Einleitung

Vorab soll gesagt werden, dass alle hier getätigten Äußerungen auf dem Wissen aus der Literatur basieren und dem, was über Jahre von einem Sensei zum nächsten weitergegeben wurde oder man andersweitig mündlich vermittelt bekommen hat.

Trotzdem hoffen wir, einen kleinen Einblick in die Unterschiede der Trainingsweisen und der Trainingsinhalte des Karates in Japan und in dem Ursprung Okinawa (Ryukyu) geben zu können. Es soll außerdem versucht werden, mit ein wenig Historie auf die Entwicklung vom traditionellen zum modernen Karate aufmerksam zu machen. Dies macht es jedoch auch schwer, zwischen "gestern" und "heute" zu unterscheiden.

 

Der Ursprung Okinawa

Es ist unbestritten, dass der Ursprung des heutigen Karates auf Okinawa zu finden ist. Hauptsächlich beeinflusst wurde es in seiner Entstehung durch die Kampfkünste Chinas (Quan-Fa), insbesondere aus der südlichen Region Fukien (Fujian, Fuzhou), aber auch durch andere südostasiatische Länder. Dies war u.a. möglich durch die regen Handelsbeziehungen, die das Ryukyu Königreich (Hauptinsel Okinawa) mit den benachbarten Ländern pflegte. Ein Austausch in jeglicher Beziehung war dadurch gewährleistet.

Das durch solch einen intensiven Austausch geprägte okinawanische "Te(-gumi)" oder "Tode" (auch "Toudi") spiegelte damit neben den auf Okinawa entwickelten Selbstverteidigungstechniken sehr viel von der chinesischen Kultur wieder. Dieser Einfluß ist auch heute noch zu sehen. Auch der Ausdruck Kempo/Kenpo für Quan-Fa macht dies deutlich.

Die Hauptmotivation für das Karate auf Okinawa war, dramatisch ausgedrückt, die Verteidigung des eigenen Lebens. Es wurde und wird ebenfalls sehr viel Wert auf das Konditionieren und Abhärten des Körpers gelegt. Dazu gibt es die verschiedensten Werkzeuge, z.B. das Chishi (kurze Stange mit einem Gewicht an einem Ende zum Training der Unterarme) oder das auch in Japan bekannte Makiwara.

 

Der Schritt nach Japan

In Japan wurden vornehmlich die Budo-Künste Ju-Jutsu, Judo, Kendo, Kyudo usw. gelehrt. Karate fand seinen Weg erst am Anfang des 20. Jahrhunderts auf die Hauptinsel und nahm zuerst eine sehr untergeordnete Rolle ein. Die Japaner konnten sich nicht damit anfreunden, dass es eine Kampfkunst auf Okinawa gibt, die ihren eigenen Kampfkünsten ebenbürtig sein sollte. Darüberhinaus stammte ja das Karate zum Großteil aus dem damals (und auch noch heute) verhaßten China.

Der Weg war schwer und es wurden viele Anpassungen durchgeführt, bis es u.a. Funakoshi Gichin gelang, Karate in Japan zu etablieren, so dass es als offizielle japanische Kampfkunst von der Dai Nippon Butokukai (DNBK) im Mai 1936 angenommen wurde.

Gravierende Unterschiede zum ursprünglichen Karate auf Okinawa kamen zustande. Beispiel sind: die Einführung des Gürtel(Obi)-/Graduierungs-Systems (Kyu/Dan) und die weißen Karateanzüge (Gi) nach dem Vorbild im Judo. Beides gab es auf Okinawa vorher nicht. Auch das militaristische Trainieren in der Linie und das Zählen für das einheitliche Training sind japanische Eigenarten. Nicht zu vergessen die Einführung eines Wettkampfsystems (Shobu Ippon Kumite), was das Kämpfen und sich Messen nach festen Regeln erlaubte. Andere Arten des Zweikampfes bzw. Partnerübungen waren nur selten zu sehen. In jüngster Zeit wurden hierzu auch die Shitei-Katas, festgeschriebene Abläufe der Katas für den Wettkampf, eingeführt. Die Standardisierung der Katas wurde allerdings auch schon früher in Japan vorangetrieben. Und nicht zuletzt die Änderung der Bezeichnung "Chinesische Hand" in "Leere Hand" und das Anhängen des Begriffes Do, was das Karate-Do auch vom Namen her zu einer Wegschule machte, waren wichtige Erweiterungen des japanischen Karates.

Die schon bekannten Budo-Künste haben ihre festen Rituale und eine strenge Etikette, was sich stark auf das Verhalten eines Karateka in einem japanischen Dojo ausgewirkt hat (z.B. Dojokun). Viele Rituale wurden eins zu eins vom Judo und Kendo übernommen.

Wichtiger sind aber noch die Inhalte bzw. das Verständnis für die Kampfkunst Karate an sich. Es gab einen eher akademischen Ansatz für das Training des Karate. Obwohl heute meist Kihon, Kumite und Kata gelehrt wird, sind jedoch Kenntnisse über die Anwendung mit dem Partner nur begrenzt, wenn überhaupt vorhanden.

Kumite z.B. ist nicht nur das bekannte Jiyu-Kumite, also der Freikampf nach Regeln, sondern jede Art der Partnerform. Insbesondere das Kata Bunkai ist hier zu nennen. Wer kann denn schon behaupten, dass er die Essenz der Katas und die Umsetzung jeder Technik bis in Kleinste verstanden hat? Vermutlich nur wenige Karateka auf der ganzen Welt. Ganz zu schweigen, wenn es darum geht, noch tiefer in die Geheimnisse vorzudringen. Begriffe wie Omote, Okuden, Hiden, Oyo, Henka und Shingi kommen da in den Sinn. Die heutigen (japanischen) Erklärungen in einer Kata Bunkai stellen die Techniken der Kata meist als Abwehr und Konter gegen einen Tsuki oder Mae-Geri dar. Dass diese Erklärungen nicht umfassend und vollständig sein können, sollte jedem klar sein.

Selbst viele der japanischen Meister sollen die Geheimnisse der Kata nicht kennen und oft verlegene oder keine Antworten auf Fragen geben. Fragen nach dem Warum sind nicht erwünscht.

Gründe dafür gibt es genug. Nur mündliche Überlieferung an den besten Schüler waren auf Okinawa üblich. Gab es keinen Nachfolger, wurden die Geheimnisse eher mit ins Grab genommen, als sie einem Unwürdigen zu zeigen. Viele der dann doch auftauchenden Schriftstücke sind während des 2. Weltkrieges verloren gegangen bzw. vernichtet worden. Das nötige Wissen ist nicht oder nur begrenzt vorhanden. Vieles muss heute in mühseliger Kleinarbeit wieder neu entdeckt werden.

Im Prinzip "zäumt man heute das Pferd von hinten auf". Man kennt die heutige Form einer Kata und macht daraus eine Partnerform, eine Anwendung. Einige große Meister glauben, dass es früher anders herum war. Erst gab es die Partnerform als Selbstverteidigungstechnik und daraus formte man die Kata als Gedächtnisstütze.

Das traditionelle Karate wurde von Meistern wie Funakoshi, Miyagi, Mabuni, Motobu u.a. aus Okinawa nach Japan gebracht. Das Verhältnis zwischen Japanern und Einwohnern Okinawas war aber durch die vielen politischen und kriegerischen Zwischenfälle nie sehr gut. Ein Bewohner Okinawas war und ist nicht sehr angesehen in Japan. Vielleicht ist dies auch ein Grund, warum das Karate nicht in seiner Vollständigkeit übermittelt wurde. Bestimmt wurde viel Wissen einfach zurückgehalten.

Durch den modernen, japanischen Ansatz und Umgang mit Karate kamen aber auch viele gute Ansätze in das Karate-Training. Man bedenke nur die Analyse der biomechanischen Aspekte der Karate-Bewegungen und der daraus resultierenden Verbesserung und Optimierung der Abläufe. Die Gymnastik hat sich ebenfalls stark verändert und sich modernen Gesichtspunkten und Erfahrungen angepasst. Auch der Unterricht in großen Gruppen oder die Einführung in das Schulsystem wären ohne eine Vereinheitlichung und ein geordnetes Training nur schwer möglich gewesen. Es wurde eine organisierte Struktur in das Training gebracht. Letzteres wurde auch schon auf Okinawa 1908 durch Itosu Ankoh, einem der Meister Funakoshi Gichin's, für die Einführung in das okinawanische Schulsystem realisiert. Auch er vereinfachte das Karate und modifizierte seine Form.

Und zu guter Letzt wurde Karate erst durch die Verbreitung in Japan zu einer weltweiten Sportart/Kampfkunst und steht sogar kurz davor, eine Olympische Disziplin zu werden.

 

Die Unterschiede

Betrachtet man das damalige Karate, sind die größten Unterschiede zwischen okinawanischem und japanischem Karate in den Zielen und Inhalten zu finden. Im Okinawa Karate stehen mehr die Selbstverteidigung, die Katas und, eng damit verknüpft, deren Umsetzung in realistische Anwendungen im Mittelpunkt. Japanisches Karate zielt mehr auf die präzise Ausführung von Techniken ab und die Schulung des Charakters, weshalb auch das Do hervorgehoben wird und erst in Japan aus Karate "Karate-Do" entstand. Obwohl man sagen muss, dass dies von vielen der Meister auf Okinawa begrüßt wurde.

Die streng militaristische Führung und Ausbildung sollte bessere Bürger und Soldaten aus den japanischen Karateka machen. Auf Okinawa war dies nie ein Grund für das Training. Eine lockere und entspannte Atmosphäre war und ist hier vorrangig zu finden. Die Beziehung Lehrer Schüler war mehr individuell im Vergleich zum japanischen Training in großen Gruppen. Die Korrektur des Einzelnen durch den Sensei findet nicht oder nur in Ausnahmefällen statt.

Betrachten wir nun einige Beispiele für die Ausführung von Karate-Techniken, z.B. die Stände (Dachi) im Shotokan Karate: es ist zu sehen, dass sie in Japan sehr tief und lang ausgeführt werden, was auch hier in Deutschland meist zu sehen ist. Der Trend geht nun aber wieder davon weg und man stellt sich höher und "bequemer". Im Okinawa Karate waren und sind die Stände traditionell höher angelegt. Im Goju Ryu könnte man annehmen, dass es dort nicht diese Unterschiede gab, da Stände wie der Sanchin Dachi oder Neko Ashi Dachi von sich aus relativ hoch sind. Für den Zenkutzu Dachi und Shiko Dachi gilt aber das Gleiche wie im Shotokan Karate.

Ein Zweites ist die Ausrichtung auf Techniken zur Selbstverteidigung, welche dazu führte, dass diese im Okinawa Karate simpel, aber effektiv (und brutal) sind. Die Bewegungen sind fließend und harmonisch. Das (Sport-)Karate in Japan braucht dies nicht. Hier müssen die Techniken zwar auch simpel sein, aber zusätzlich sind sie standardisiert, nicht flexibel und müssen "schön"/exakt aussehen. Die Einhaltung der Embusen und das Starten und Enden einer Kata am selben Punkt resultieren daraus.

Aus der Schwertkunst kommt auch die Idee, dass ein Kampf mit einer Technik zu beenden ist. In realen Selbstverteidigungssituationen (ohne Schwert) ist dies wünschenswert, aber wohl eher nicht zu erreichen.

Es stellt sich die Frage, ob die vielen verschiedenen Stilrichtungen entstanden wären, wenn Karate nicht in Japan bekannt gemacht worden wäre. Vielleicht gäbe es dann heute nur drei oder vier Grundstilrichtungen. Aber wahrscheinlich ist dies ein normaler Prozess, sobald viele Menschen mit einer Sache beschäftigt sind und sich mit der Zeit einige überlegen, dass dies doch eher so gemacht werden sollte und jenes so.

Grundsätzlich kann man sagen, dass okinawanisches Karate authentisch ist, eine alte Tradition aufweist und Wert auf Funktionalität legt, während das Karate in Japan eher als modern und sportorientiert anzusehen ist mit starker Betonung der Form und der Etikette. Die Entwicklung in Japan hatte und hat natürlich auch umgekehrt einen Einfluss auf das Karate auf Okinawa.

Die Entscheidung, ob die Unterschiede auch heute noch alle aktuell sind und so zutreffen, sei jedem selbst überlassen.

 

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Die Ausarbeitung hierzu könnt ihr euch HIER als PDF-Datei herunterladen (287 kb)